Hintergründe

Veranstaltungs-Skript

Vortrag zum „Wettbewerblichen Dialog“ in Hanau
bei der Veranstaltung: „Private Investoren oder Bürgerbeteiligung? Wer bestimmt die Kommunalpolitik?“

am 27.4.2010 in Aschaffenburg

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Vielen Dank für die Einladung. Mit dem o. a. genannten Thema setzen wir uns in Hanau seit dem Jahre 2001 auseinander, in dem der Magistrat der Stadt Hanau begann, öffentliche Einrichtungen z. B. des Nahverkehrs und der Energieversorgung zu privatisieren, weitere Schritte in diese Richtung unternahm und aktuell im Rahmen des „Wettbewerblichen Dialogs“ weite Teile der Innenstadt zum Verkauf an Privatinvestoren freimacht. Unter dem Thema der heutigen Veranstaltung will ich nicht zu sehr auf Hanauer Details eingehen, sondern versuchen, die uns gemeinsam betreffenden Prinzipien der gegen­wärtigen kommunalen Strukturpolitik darzustellen. Diese befindet sich bekanntlich im Zustand der Unterfinan­zierung resp. Ausplünderung durch eine kapitalfreundliche Steuer- und Sozialpolitik aller Regierungskoalitionen der letzten beiden Jahrzehn­te. Die in den Rathäusern amtierenden Parteien ver­suchen in der Regel, diese Problemlage durch am Markt orientierte Ausgliederungs- und Privatisierungsstrategien zu bewälti­gen. Unsere Ausgangsposition ist, daß dies nicht gelingen kann, nicht für die Stabilität der kommunalen Haushalte, schon gar nicht für die Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Lage auf öffentliche Dienst- und Vorsorgeleistungen ange­wiesen sind. Daher sehen wir unser Interesse darin, a) weiteren Privatisie­rungen Widerstand entgegenzusetzen, b) die Wiedereingliederung, also Rekommunali­sierung bereits veräußerter Einrichtungen zu fordern.
In der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung „ver.di-Publik“ schreibt der bekannte oppositionelle Priva­tisierungsexperte Werner Rügemer zur derzeitigen Lage: „Bei aller möglichen Miß- und Klüngelwirtschaft in den Kommunen ist unbestreitbar: Ihre strukturelle Verschuldung wurde und wird durch die Bundesregierungen verursacht, in zweiter Linie durch die Landesregierungen. Beginnend mit der deutschen Vereinigung, dann insbesondere seit etwa dem Jahr 2000 folgten die Bundesregierungen dem neoliberalen Muster: Neben der Aufwertung der Großbanken und der Export- und Energiekonzerne gehört dazu die Abwertung des öffentlichen Dienstes und der Kommunen, während der Zentralstaat ausgebaut wurde. Allein die Steuergesetzgebung der schwarz-roten Bundesregierung seit 2005 bringt den Kommunen bis 2013 einen Verlust von knapp 20 Mrd. €. Und allein die ersten Steuersenkungen der neuen schwarz-gelben Regierung seit Anfang 2010 … führen zu jährlichen Verlusten der Kommunen von 1,6 Mio. €.“ Hier wäre in der gebotenen Kürze dieser Ausfüh­rungen natürlich auch an die Steuersenkungspolitik der Regierung Schröder/Fischer zu erinnern, die bspw. schon im Aufschwungjahr 2000 massiv die Steuersätze für Einkommen- und Körperschaftssteuer gesenkt hat, Unterneh­mensverkäufe von Steuerver­pflichtungen freistellte etc. Aktuell kommen durch die gegenwärtige Krise verur­sachte Verluste bei den Steuereinnahmen hinzu: 2009 sanken die kommunalen Einnahmen um etwa 3,6 Mrd. € auf 171,3 Mrd. €, während die Ausgaben um 8,5 Mrd. € auf 175,75 Mrd. € stiegen. Mit der Einrichtung der sogenannten „Schuldenbremse“ im Grundgesetz wird in den nächsten Jahren noch zusätzlicher Druck auf uns zukommen, der momentan noch gar nicht einzuschätzen ist. Zusammen mit den Maastricht-Kriterien ist dies ein massives Druckmittel, das die Herrschenden gegen uns bereitstellen.
Klarzustellen ist aber auch, daß eine Rückwendung zu einem angeblich sozial verpflichteten Kapitalismus vergangener Zeiten uns nicht weiterhilft, weil ökonomisch, politisch und ideolo­gisch diese Verhältnisse längst zerstört resp. „historisch überwunden“ sind. Noch einmal Rügemer: „Die kommunale Infrastruktur ist eine elementare Voraussetzung für den Sozialstaat und den Zusammenhalt der Gesellschaft, für ein sicheres Leben der Bürger.“ So sollte es sein, so waren wir in früheren Zeiten gewohnt zu denken. Hiergegen hat aber schon Karl Marx festge­stellt, daß der Kapitalismus durch seine profitorientierte Entwicklungsdynamik ständig die Be­dingungen seiner eigenen Existenz umwälzt, mit Folgen für die gesamte Gesellschaft. Die Veränderung des politisch-ökonomischen Stellen­werts der Kommunen in den letzten 20 Jahren ist ein Beispiel dafür: Je mehr die Menschen durch Interessenverbände, Politik und Publizistik im Dienste des Kapitals, namentlich der export­orienten Fraktionen, auf die Ideologie getrimmt wurden, daß der Markt die bester aller Welten sei und alles rich­te, desto mehr kam dies auch in der Kommunalpolitik an. Denn diejenigen, die die kommunalen Haushalts­nöte zu bewältigen haben, sind vom gleichen Schlag wie diejenigen, die ihnen von Berlin aus diese Suppe ein­brocken.
Nur durch diese gesellschaftliche Vorherrschaft kapitalistischen Denkens, noch gesteigert in seiner neolibera­len Form, läßt sich erklären, daß der finanzielle Druck auf die Kommunen sich in Richtung Privatisierung bewegte. Politisch besteht ja auch die Möglichkeit, eine bessere Finanzausstattung zu fordern und diese durch Reformen abzusichern, die den Bedarf der in den Kommunen lebenden Menschen abdecken, nicht die Profitin­teressen der Unternehmen. Zwar geschieht dies auch von Zeit zu Zeit. Solche Appelle drücken aber unter gegen­wärtigen Verhältnissen nur aus, daß die Not wirklich groß ist, und fallen kurz darauf wieder in sich zusammen, wenn es nur eine „Bewegung der Oberbürgermeister“ ist. Der vorherrschende Trend ist vielmehr, die kommuna­len Ein­richtungen selbst an Marktbedingungen anzupassen (z. B. „doppische Buchführung“), sie formalrechtlich zu privatisieren (sie dadurch aus dem regulären Haushalt und/oder dem Tarifrecht des öffentlichen Dienstes auszu­gliedern) oder gleich ganz zu verkaufen und die Erledigung kommunaler Aufgaben profitorientierten Unterneh­men zu überlassen, die mit Billiglöhnen arbeiten, aber in der Preisgestaltung oftmals nicht billiger sind. Auf die einzelnen Erscheinungen von Privatisierung kommunaler Einrichtungen wie PPP, Cross-Border-Leasing etc. will ich hier nicht eingehen. Erfreulicherweise sind in letzter Zeit aber auch Rekommunalisierungen festzu­stellen, d. h. die Gemeinde kauft den Betrieb zurück, um die Versorgung in eige­ner Regie wieder sicherzustellen.
Die zentrale These ist: Wir haben es heute mit einem Leitbild von Kom­munalpolitik zu tun, in dem Qualität und Versorgungssicherheit eines breiten Angebots öffent­licher Dienstlei­stungen in den Hintergrund tritt gegenüber betriebswirtschaftlicher Effienz. Das ist kein Naturge­setz, sondern Folge kapitalfreundlicher Steuer- und Sozialpolitik sowie in der Gesellschaft vorherrschender marktorientierter Ideologie. Die Kommunen tragen zur Verschuldung aller öffentlichen Ebenen nur ca. 10 % bei, doch die Auswirkungen auf die BürgerInnen sind groß und direkt spürbar, weil sie einen großen Teil der öffentlichen Infrastruktur betreiben: Energie- und Was­serversorgung, Entsorgung, Nahver­kehr, Grünanlagen, Schwimmbäder, Bibliotheken, Krankenhäuser, Schulen, Kindertagesstätten usw.

Privatisierung in Hanau
In Hanau wurde die Privatisierungspolitik durch den Magistrat seit 2002 vorangetrieben. Der Anlaß hierfür war nicht zuletzt der Druck der Haushaltsüberwa­chung seitens des Darmstädter Regierungspräsidiums, der staatli­chen Aufsichtsbehörde. Bestimmte Ämter, Fachbereiche und Eigenbetriebe wurden formal in GmbH’s umge­wandelt. Daraus entstand durch Verschachtelung schließlich ein Gebilde, das als „BeteiligungsHolding Hanau GmbH“ geführt und ideologisch gern als „Konzern Stadt Hanau“ bezeichnet wird. Solche Beteiligungen sind u. a.: 1. die Baugesellschaft, deren Töchter Hanauer Parkhaus GmbH und Hanauer Märkte GmbH; 2. die Hanauer Straßenbahn (von 2001 bis 2006 zur Hälfte an Verkehrsgesellschaft Frankfurt verkauft), deren Tochter (25 %) Stadtverkehr Maintal; 3. Stadtwerke Hanau (53,1 %, Rest Mainova Frank­furt); 4. verschiedene Beteiligungen, z. B. Comoe­dienhaus Wilhelmsbad, Technologie- und Gründerzen­trum Hanau GmbH, Baugenossenschaft Steinheim, Bau- und Siedlungsgenossenschaft Klein-Auheim, Volks- und Raiffeisen­bank Hanau.
Im Jahre 2004 fand die Auseinandersetzung um die Rechtsumwandlung des Grünflächenamtes, des Eigenbe­trie­bes Kindertagesstätten, des städtischen Einkaufs und des Klinikums in GmbH’s statt. Kerngruppe des Prote­stes gegen diese Maßnahmen war seinerzeit das frisch gegründete Hanauer Sozialforum.
Das Hanauer Sozialforum – Bündnis gegen Sozialabbau bestand damals noch aus einer Vielzahl aktiver linken Gruppen und Einzelpersonen (z. B. GewerkschafterInnen, Attac, Erwerbslose, DIDF, Antifa, Migrantengruppen, Grüne, Linke, DKP). Es führte eine ganze Reihe öffentlicher Veranstaltungen durch, die zunächst auch gut besucht waren, und Infostände in der Innenstadt, machte Pressearbeit, insbesondere in der Frankfurter Rund­schau, auch durch eigene Artikel und Leserbriefe, und schrieb einen offenen Brief an den Magistrat. In diesem heißt es u. a.: „Wir fordern den Magi­strat auf, in den kommunalen Spitzenverbänden, bei der Landes- und bei der Bundesre­gierung für eine Erhöhung der Unternehmenssteuern und eine drastische Anhebung des Anteils der Gemeinden am Steueraufkommen ein­zutreten. Dadurch werden kommunale Investitionen in soziale Infrastruktur und öffent­liche Daseinsvorsorge gewährleistet. Wir fordern die Rücknahme des Haushaltkonsolidierungskon­zepts 2004 und die Beendigung der eingeleiteten Prüfverfahren in den Bereichen Kindertagesstätten, Grünflä­chenamt und Einkauf. Das Hanauer Sozialforum wird diese Privatisierungspolitik nicht hinnehmen und ent­schie­den der Umsetzung entgegentreten. Wir werden die Pläne öffentlich machen und die Bevölkerung darüber infor­mieren, daß diese in einen Angriff gegen die Beschäftigten im öffentlichen Dienst münden werden und daß zwangsläufig das Leistungsniveau sinkt und die Gebühren steigen.“
Leider kam es nicht so. Die Öffentlichkeitsarbeit des Sozialforums reichte nicht aus, Gegenbewegung zu mobi­lisieren, und der Vorschlag eines Bürgerbegehrens konnte nicht umgesetzt werden. Am 27. September 2004 beschloß das Stadtparlament die Rechtsformumwandlung der betroffe­nen Betriebe (ohne die Kindertagesstätten). Ent­scheidend für diese Niederlage dürfte die Bereitschaft der Gewerkschaft ver.di -d. h. des Bezirksvorstandes und der im Bereich der Stadt Hanau arbeitenden Funktionäre und Gewerkschaftsmitglieder- gewesen sein, die Strate­gie des Magistrats mitzutragen, zumindest sich nicht aktiv dagegen zu stellen.
Der „Konzern Hanau“ dient den Zwecken der Ausgliederung aus dem im engeren Sinne kommunalen Haushalt und der Tarifflucht (Beispiel: Fahrergesellschaft). Damit ist der Forderung der staatlichen Aufsichtsbehörde nach einem genehmigungsfähigen Haushalt offenbar Rechnung getragen. Erklärtes Ziel der SPD ist dabei, diesen Konzern im Eigentum der Stadt zu halten. Das Problem besteht darin, daß sie hierfür auf Wettbewerbsfähigkeit und betriebliche Rationalisierung setzt. Dabei schwankt der Hanauer Kurs zwi­schen dem Versuch, die privati­sierten Betriebe der Marktkonkurrenz frei auszuset­zen (Ausschreibungsmodell) oder auf Auftragserfüllung im Stadtbereich zu beschränken („In-House-Konzept“). Im April 2006 schrammte die HSB an einer existenzbedro­henden Krise knapp vorbei und hat bis heute noch keinen gülti­gen Tarifvertrag als Nachfolger für den ausge­lau­fenen BMT-G (Bun­desmanteltarifvertrag für die Arbeite­rInnen der kommunalen Betriebe).
Nach Presseberichten betrug der Bilanzverlust für die Beteiligungsholding im Jahr 2008 satte 5,8 Mio. €, im Jahre 2009 erneut 5,9 Mio. € (Bilanzsumme ca. 437 Mio. €). Im Januar 2010 wurde davor gewarnt, daß bei an­haltenden Verlusten die Holding in sechs Jahren Insolvenz anmelden müsse. Im städtischen Haushalt sieht es nicht besser aus: Nach vor­übergehender Entlastung in 2007 und 2008 wurde im Krisenjahr 2009 eine Deckungs­lücke von 70 Mio. € im städtischen Haushalt ausgemacht. Die Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommensteuern seien deutlich stärker eingebrochen als erwartet, erklärte der Magistrat. Es drohen nun eine allgemeine Haus­haltssperre, Einsparungen bei den Energie- und Verwaltungskosten quer durch alle Ämter, Eigenbetriebe und Gesellschaften sowie spezielle Maßnahmen wie z. B. ein „Sanierungstarifvertrag“ am Klini­kum.

Zum Wettbewerblichen Dialog

Diese Ausführungen sollten verdeutlichen, welchen Weg die Stadt seit der Androhung der staatlichen Zwangs­verwaltung 2001 gegangen ist. Die kommunalpolitische Führung mag subjektiv ehrlich der Illusion aufgesessen sein, daß ihr dieser Weg der Konsolidierung gelingen könnte, egal auf wessen Kosten er geht. Einmal auf der schiefen Bahn der Privatisierung angelangt, geht es aber jetzt immer schneller. Die Radikalprivatisierung durch das im folgenden zu beschreibende Verfahren des „Wettbewerblichen Dialogs“ (WeDi) ist die logische Konse­quenz des Desasters im städtischen Haushalt und in der Beteiligungsholding und wird soziale Verwüstungen hin­ter­lassen, wenn nicht eine grundsätzliche kommunalpolitische Wende durchgesetzt werden kann, die die Plünde­rung der öffentlichen Haushalte durch kapitalfreundliche Steuerpolitik und die einseitige Fixierung auf betriebs­wirtschaft­liche Effienz beendet.
Da ich von einem Aschaffenburger Publikum keine genauere Ortskenntnis in Hanau voraussetzen kann, werde ich die folgenden Darstellungen kurz halten und auf das Prinzip des WeDi konzentrieren. Der WeDi bezeichnet ein auf neu geschaffenem EU-Recht basierendes Auswahlverfahren, an dessen Ende die Stadtverordnetenver­sammlung einem Städtebauunternehmen (Investor) den Auftrag erteilt, die Hanauer Innenstadt umzugestalten. Räumlich umfaßt sind hier -für diejenigen, die sich in Hanau etwas auskennen- die fünf zentralen Plätze: Schloßplatz, Altstädter Markt, Freiheitsplatz, Marktplatz und Niederländisch-Wallonische Kirche.
Die Bezeichnung „Dialog“ ist irreführend, weil er zwar eine Kombination von „offenen“ und „nichtoffenen“ Verhandlungen umfaßt. Gemeint sind jedoch nicht diejenigen, die es angeht, nämlich die BürgerInnen der Stadt, sondern die kommunalpolitische Führung und die sich bewerbenden Firmen. Das Verfahren läuft etwa so: Zu­nächst konzipiert die Stadtverwaltung den Auftrag -hier also den Umbau der Innenstadt- und schreibt diesen aus. In einem zweiten Schritt wählt sie eine Anzahl der Bewerber aus – in unserem Fall ursprünglich sieben. Mit diesen beginnt dann der Dialog, in dessen Verlauf Stadt und Auftragsbewerber ihre jeweiligen Vorstellungen präzi­sieren und abstimmen. Alle Beteiligten müssen hierbei übereinstimmen, dass ihre Planungen offengelegt werden, so dass alle jeweils Bescheid wissen. Auch eine Information der Öffentlichkeit durch Presse und Veranstaltun­gen findet statt. Nur entscheiden dürfen die BürgerInnen nicht. Am Ende wählt das Stadtparlament ein Konzept aus und überträgt die hochkomplexe Aufgabe der Umgestaltung der gesamten Innenstadt an das als Sieger her­vorgegangene Unternehmen.
Was bedeutet das? Die Investoren haben natürlich nicht vor, den BürgerInnen in Hanau etwas Gutes zu tun, sondern sie wollen ihr Kapital gewinnbringend einsetzen. Das „Filetstück“, um das es geht, ist der Freiheitsplatz, der heute ein „toter“ Platz ist – Pkw-Parkplatz und Busbahnhof. Dort soll ein Einkaufscenter entstehen, daß die Innenstadt beherrscht und Profit bringt. Ende März diesen Jahres wurde genau dort, am Rande des Freiheitsplat­zes, die traditionsreiche Karstadtfiliale dicht gemacht. Der Kommentar des Oberbürgermeisters dazu war: „Eine Stadt wie Hanau verträgt eben keine zwei großen Kaufhäuser (neben Kaufhof, unweit am Marktplatz).“ Wenn das so sei, warum vergibt die Stadt einen Auftrag für ein Einkaufscenter am gleichen Ort (und darüber hinaus am Postcarree und am Kinzigbogen)?
Es ist das oben skizzierte Denken in Markt- und Konkurrenzbeziehungen. Einerseits fühlen sich Kommunal­po­litikerInnen und weite Teile des Hanauer Bürgertums in Konkurrenz gesetzt zu Städten wie Aschaffenburg, Fulda, Offenbach, Frankfurt, denen gegenüber Hanau ärmlich und unattraktiv erscheint. Andererseits ist die Kommune finanziell nicht handlungsfähig, um ihr Outfit grundlegend umzukrempeln. Der WeDi ist ein neues Verfahren mit dem alten Motiv, sich Unternehmen anzubiedern, damit diese investieren. Der Trick beim WeDi ist der Versuch, den Inve­storen im Gegenzug für das Filetstück „Einkaufscenter“ städtebauliche Maßnahmen aufzuhalsen, die nur teils kommerziellen, sondern eben kulturellen und vielleicht sozialen Zweck haben: z. B. eine neue Stadtbibliothek, ein Brüder-Grimm-Center, neuer Standort für die Wetterauische Gesellschaft, Multi­plexkino, Hotel und einiges mehr. Das hilft Hanau z. B. als Tagungsort und als Touristenattraktion.
Besonders brisant ist aber auch die Ge­staltung bisher vernachlässigter Wohnbereiche in der Altstadt und um die Französische Allee. Hier kommt das zweite Motiv der Stadtspitze zum Tragen. Hanau als gewachsene Arbeiterstadt ist von relativ niedrigem Einkommensniveau geprägt (hessische Statistiken bestätigen das). Mit der Neugestaltung, besser gesagt: dem Abriß älterer Wohnbereiche, die bisher der städti­schen Baugesellschaft gehö­ren, an deren Stelle teure Wohnungen für zahlungskräftigen Mittelstand errichtet werden sollen, wäre ein „Be­völkerungsaustausch“ im innenstadtnahen Bereich verbunden, der mehr Kaufkraft in die Stadt bringen und Hanau marktorientiert „nach vorne“ bringen soll. Es ist davon auszu­ge­hen, daß dies ein starkes Motiv für den Umbau der Innenstadt ist.
Vordergründig sieht es so aus: Die kommunalpolitische Führung macht ihre Vorgaben, und die Investoren be­mühen sich, dem gerecht zu werden. Das wirkliche Verhältnis wird jedoch klarer, wenn man sich vor Augen hält, daß die Stadt öffentlichen Raum und ihre Verfügungsgewalt darüber verkauft. Von dem letztendlich ausge­wählten Planer, Investor und Betreiber wird erwartet, dass er ca. 250 – 280 Mio. € investiert, während die Kom­mune lediglich 20 Mio € beitragen wollte, also nicht einmal ein Zehntel (Stand 2009, inzwischen sind die Zahlen anders). OB Kaminsky stellt dies in der Öffentlichkeit beinahe als wohltäterisches Engagement der Investoren dar, was doch tatsächlich privatwirtschaftliche Verwertung und Gewinnmaximierung ist. Dies beschreibt das Kräfteverhältnis eindringlich und macht anschaulich, wer nach dem endgültigen, im Mai zu fassenden Beschluss tatsächlich das Sagen hat, nämlich der obsiegende Investor.
Inzwischen steht der WeDi als Bieterverfahren vor dem Abschluß. Nach Aussortierung von Bewerbern sind aktuell nur noch zwei Investoren übrig (HBB aus Lübeck und 3w/ing aus den Niederlanden). Am 25. Mai soll zwischen diesen beiden endgültig entschieden werden. Beide Investoren haben inzwischen erklärt, daß sie nicht im vollen territorialen Umfang investieren, sondern sich auf den Frei­heitsplatz konzentrieren wollen. Einver­nehmlich setzen sie die Stadt unter Druck, und die in Aussicht gestellten Kosten für den städtischen Haushalt steigen (mittlerweile 42 Mio. €). Baubeginn soll Anfang 2011 sein.
Der „Wettbewerbliche Dialog“ im hier beschriebenen Sinne wird getragen von der Rathauskoalition (SPD, FDP, Grüne, BfH) und zwei sogenannten Oppositionsparteien (CDU, Rep). Hiergegen wehrten sich zunächst die Einzelhändler, weil sie übermächtige Konkurrenz befürchten müssen. Sie stellten ihren Protest aber sehr bald ein, weil sie von ihrem eigenen Selbstverständnis her gegen ein kapitalfreundliches Projekt keinen grundsätzlichen Widerstand entwickeln können. Real treten nur im Rathaus die Fraktion Die Linke, außerparalamentarisch das Sozialforum und der Mieterrat der Französischen Allee dagegen auf – mit Veranstaltungen, Infoständen, „Kritischen Stadtführungen“, Presserklärungen (z. B. an die Grünen).

Alternativen

Was sind die Alternativen? Aus Sicht des Sozialforums und des Mieterrates geht es darum, a) die Rechte der vom Verlust ihrer Wohnungen bedrohten MieterInnen zu verteidigen, b) die Gestaltung des Freiheitsplatzes völlig anders in die Diskussion zu bringen. Anstatt der kommerziellen Nutzung muß ein Ausbau als Erholungs­raum für BürgerInnen und BesucherInnen der Stadt Hanau beginnen. Die Stadtspitze, die ständig nach Landes-, Bundes- und EU-Fördergeldern für ihre kommerziellen Pläne Ausschau hält, sollte dies mal für eine völlig andere Orientierung tun.
Wichtig ist die Positionierung der Gewerkschaft ver.di. Am 11. Mai werden das Sozialforum und der Mieterrat eine öffentliche Veranstaltung zum Thema PPP durchführen, die inzwischen auch vom ver.di-Bezirk Hanau unterstützt wird. Der bisherige Privatisierungsprozeß in Hanau hat gezeigt, daß ohne die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft nicht genügend Kraft zu entfalten ist, um dies zu stoppen.
Anstelle der Kapitalinteressen müssen die Belange der BürgerInnen in den Vordergrund gestellt werden. Da der Umbau unter dieser Vorgabe, damit eben aus öffentlichen Mitteln, für die Stadt nicht zu finanzieren wäre, müßte das Projekt als solches zunächst einfach gestoppt werden. Gegenwärtig ist das in Hanau und auf die Stadt beschränkt nicht realistisch. Die Zukunft liegt in einer bundesweiten, wenn möglich internationalen Bewegung zur Rekommunalisierung öffentlicher Verwaltung und zur Zurückdrängung von Kapitalverwertung und Marktorientierung, die vor Ort verankert ist und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge im Blick hat.

In welchem Hanau wollen wir leben?

Auszug aus dem Script auf der Veranstaltung am 20.4.2009:

Wie wollen wir denn die Stadt?

Bei aller Kritik stellt sich anschließend die Frage, wie wir die Stadt entwickeln wollen. Wir plädieren dafür, die Veränderung von Stadt auf grundsätzlich anderem Wege zu betreiben. Der Wettbewerbliche Dialog ist ein Paradebeispiel für eine Stadtentwicklung „von oben“. Das ist besonders offensichtlich, weil der geplante Abriss ganzer Wohnblocks noch nicht einmal kommuniziert wurden und die Betroffenen diese Pläne aus der Zeitung erfahren mussten.

Wir stellen uns eine Veränderung der Stadt aus einer ganz anderen Richtung vor. Denn es gilt nicht, den jetzigen Zustand zu bewahren, es gibt viel zu tun in der Stadt. Nur sind wir der Meinung, dass eine Stadt von denen gestaltet werden muss, die in Ihr wohnen und die letztlich auch die Stadt selbst sind. Das betrifft Fragestellungen, ob zusätzliche Einkaufsmöglichkeiten wirklich das sind, was Hanau braucht.

Grundsätzlich vertreten wir die Ansicht, dass eine Stadt von Ihren BewohnerInnen verändert werden sollte. Auch eine Verwaltung hat nicht das Recht sich auszusuchen, für wen eine Stadt geplant wird, sondern muss von denen ausgehen, die sie dort vorfinden. Der erste Schritt wäre, in die Stadt zu gehen und mit den Leuten zusammen herauszufinden, was denn Ihre Bedürfnisse sind. So wird eine längst überfällige Sanierung des Gebiets um die Französische Allee, die den MieterInnen das Recht garantiert, dort wieder einziehen zu können ohne ernorme Mietsteigerungen, durch aus im Sinne der jetzigen BewohnerInnen sein.
Auch ansonsten gibt es viel, das in der Stadt zu verändern wäre. Es gibt wahrscheinlich niemanden, der den Freiheitsplatz als Beton- und Parkplatzwüste belassen möchte, so wie es sich jetzt darstellt. Der „ebenerdige ruhende Individualverkehr“ darf auch gerne unter die Erde verschwinden, aber ob Hanau dann ausgerechnet noch ein Einkaufszentrum braucht, würden zumindest wir ganz vehement verneinen.

Letztlich müssen wir aber von der Tatsache ausgehen, dass eine offizielle Stadtplanung niemals eine Planung von unten sein wird. Das ist keine große Neuigkeit, aber deutlicher als beim Wettbewerblichen Dialog kann es kaum werden. Die Frage ist, wie es möglich ist, sich trotz und gegen offizielle Stadtplanung seinen eigenen Einfluss auf die Stadt zu nehmen und selbst mit der Stadtentwicklung von unten zu beginnen. Ein erster Schritt kann es sein, eine Stimme zu bekommen und auch laut und deutlich zu sagen, das diese Stadtplanung nicht in unserem Sinne ist. Gerade wenn Investoren ihre glitzernden Entwürfe einer Stadt zeigen, die wir gar nicht so empfinden, sollten wir an der Vorstellung einer Stadt arbeiten, in der wir leben wollen. Ob diese Stadt viel mit der Stadt der Investoren zu tun hat, darf ganz sicher bezweifelt werden.

Mangelnde Beteiligung der Hanauer Bevölkerung

Auszug aus dem Script auf der Veranstaltung am 20.4.2009:

Mangelende Beteiligung der Hanauer Bevölkerung

In dem Prozess der Umgestaltung der Hanauer Innenstadt wird ein neues Hanau am Reißbrett entwickelt. Die Menschen, die im Moment in der Hanauer Innenstadt leben, kommen in den Plänen und den Vorgaben, die schließlich Grundlage der Vorschläge der Investoren sind, nur in dem Sinne vor, dass sie einer „vitalen Zielgruppenmischung“ weichen sollen.

Was verbirgt sich hinter einer erstmal ganz sympathisch scheinenden Worthülse wie dieser? Am Beispiel der Wohnungen rund um die Französische Allee zeigt sich der Inhalt am deutlichsten. Er betrifft allerdings auch die restlichen Planungen, in die die direkt Betroffenen nicht mit einbezogen werden.

In den Vorgaben der Stadt ist das Gebiet als den heutigen Marktbdürfnissen nicht mehr entsprechend gekennzeichnet. „Ein Abriss und Neubau der Gebäude erscheint zwingend“. Von den Bedürfnissen der im Moment dort lebenden Bevölkerung ist in diesem Abschnitt konsequenterweise keine Rede, sie haben auch keinen Einfluss auf die Planungen. Wegweisend sind hier die Bedürfnisse des Marktes.

Hervorzuheben ist, dass es sich nicht um die Vorschläge der Investoren handelt, deren Marktlogik solch ein Denken ja durchaus entspräche, sondern dass die Stadt hier den Abriss der Gebäude bereits vorgibt.

Nachdem es in der Südlichen Innenstadt bereits den Ansatz gab, im Rahmen von „Soziale Stadt“ mit den Bürgern zusammen die eigene Wohnumgebung zu gestalten, muss ein solches Vorgehen, wie ein Schlag ins Gesicht wirken.

Folgerichtig wehren sich Teile der AnwohnerInnen auch sofort nach dem Bekannt werden:

„Kein Mensch hat mit uns geredet, was mit uns passieren soll“ heißt es. Stattdessen habe die Baugesellschaft als Eigentümerin der Wohnungen seit über zehn Jahren notwendige Sanierungen versprochen, Nichts sei geschehen, und vielfach hätten die Bewohner selbst investiert und renoviert. Nur um jetzt zu erfahren, dass die Häuser abgerissen werden sollen. Aussagen von der SPD das die besten Lösungsmöglichkeiten für Umsiedlungen gesucht würden, kommen zu spät. Denn „die Menschen sind einfach vergessen worden. Man hätte vorher mit ihnen sprechen müssen,“ so Volker Rohde von der Mittelstandsvereinigung.“ (Offenbach Post v. 6.4.09)

Wir bestreiten allerdings, dass die Menschen vergessen wurden und gehen von einer städtischen Strategie aus. Die jetzigen BewohnerInnen des Quartiers Französische Alle sowie ein Großteil der innenstädtischen Bevölkerung sind nicht Teil der „Vitalen Zielgruppenmischung“. Es geht nicht um deren Bedürfnisse, sie stehen der geplanten Stadtentwicklung im Wege und müssen für das neue zahlungskräftige Klientel weichen. Städtische Aufwertungsstrategien nach diesem Muster zielen auf eine Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung, anstatt einer Verbesserung ihrer Situation.

Wir gehen davon aus und wissen es auch aus Gesprächen, dass das größte Problem der jetzigen BewohnerInnen des Viertels der schlechte Bauliche Zustand der Wohnungen ist, die von der Städtischen Baugesellschaft seit Jahren vernachlässigt werden. Unsere These ist, dass die Menschen gerne in dem Gebiet wohnen und auch weiterhin dort wohnen wollen. Und wir sind sicher, dass im Vorfeld der städtischen Planungen diese Frage den dort lebenden Menschen nicht gestellt wurde, bevor der zwingende Abriss Ihrer Häuser in die Vorgaben für den wettbewerblichen Dialog aufgenommen wurde.

Warum ein Wettbewerblicher Dialog in Hanau?

Auszug aus dem Script auf der Veranstaltung am 20.4.2009:

Wie kommt eine Stadt wie Hanau auf die Idee einen Wettbewerblichen Dialog zu Veranstalten?

Die Stadt Hanau schlägt sich ja schon lange mit Ideen der neoliberalen Stadtentwicklung rum. Hanau ist bekanntermaßen von Sozialbauten der Nachkriegszeit geprägt. In den letzten Jahren sind aber fast alle größeren Pläne der Stadt gescheitert, die Innenstadt und ihre als niedrigwertig geltende Handelsstruktur, aufzuwerten, was bedeutet so was wie die viel besuchten 1 Euro Läden in teure Läden um zu wandeln.

Aber weil das alles nicht neu ist, wundert es nicht, dass die folgenden Ideen alles alte Vorschläge sind, die im Einzelnen immer wieder gescheitert sind:
z. B. das Kino das mal an den Kanaltorplatz, der heute als Postcarrée verhandelt wird, sollte,
Oder das vielbesagte Einkaufzentrum auf dem Freiheitsplatz, von dem seit Jahren immer wieder die Rede war.
Das Hotel das am Schlossplatz die Besucher vom CPH einquartieren soll war auch schon als Projekt ausgeschrieben – es wurde aber kein Investor gefunden.
Und Veränderung der MieterInnenstruktur beispielsweise wie hinter dem Altstädter Markt wo Baugesellschaftswohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden die bis heute zum größten Teil leerstehen. Das sind alles alte, gescheiterte Ideen, die jetzt in einem „großen Wurf“ umgesetzt werden sollen.

Das City Center am Kurt-Blaum-Platz ist eines der wenigen für die Stadt wohl erfolgreichen Projekte in den letzten Jahren, was Einkaufzentren angeht. Dort hat aber der viel besagte mittelständiger Einzelhandel keinen Platz sondern hauptsächlich die großen Ketten. Das City Center zeigte sich jüngst auch überhaupt nicht begeistert von der Konkurrenz die auf dem Freiheitsplatz entstehen soll und hat angeboten, dass sie das City Center ausbauen, wenn dafür auf das Einkaufszentrum am Freiheitsplatz verzichtet wird.

Das Post Caree: Nachdem immer wieder Investoren abgesprungen sind, haben vor wenigen Monaten auf dem Gelände die Bauarbeiten begonnen. Übrigens baut hier der Investor HBB, der sich auch am Wettbewerblichen Dialog beteiligt. Im Post Carre soll ein riesiges Einkaufszentrum mit Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Apotheke, Bioladen, Wellness, Massage und Fitness, ein großer Frische Markt, Drogerien, Gastronomie und so weiter entstehen.

Auch der ehemalige Gleisbauhof, Kinzigbogen genannt, darf in dieser Auflistung nicht fehlen, denn auch dort möchte die Stadt ein, wie sollte es anders sein, Einkaufszentrum bauen. Nein, stimmt nicht ganz es soll ein Fachmarktzentrum werden! „Wohnen, Freizeit, Einkaufen, Gewerbe und Parken (40% der Fläche für Parkplätze)“ soll möglich werden. Geschäfte sollen ein Baumarkt, Möbelhaus, Lebensmittelmarkt, KFZ- und Motoradhandel, Fahrrad und Sportausrüster, Bürofachmarkt, Tier- und Zoohandlung und Teppich, Betten und Heimtextilien sein. Auch sollen 70 Wohnhäuser gebaut werden nach dem Motto „Grün und urban zugleich“ sollen die Häuser zur Belebung beitragen und dem Projekt zusätzliche Vielfalt und Attraktivität verleihen. Angefangen hat die Stadt damit noch nicht, laut Website soll ab Anfang 2009 gebaut und 2010 eröffnet werden. Kurz vor Baubeginn ist der Stadt aber der Endinvestor abgesprungen. Die Stadt wollte bis Mitte April die neuen Pläne dazu veröffentlichen.

Zudem hat die Stadt noch jede Menge freier sogenannter Konversionsflächen, im Lamboy stehen immer noch Kasernen teilweise leer. Wolfgang ist eine Geister Stadt geworden. Die Lernhilfeschulen wie die Petro-Jung-Schule soll jetzt nach Wolfgang ausgelagert werden, wodurch in der Stadt wieder weitere Flächen entstehen. Die Zusammenlegung und Auslagerung der Lernhilfeschulen sind aber auch weiterhin in der Kritik.

Es geht der Stadt Hanau also nicht nur um ein Projekt Namens „Wettbewerblicher Dialog“ sondern um einen völligen Umbau des gesamten Stadtgebietes!

Unter dem Stichwort „Unternehmerische Stadt“ werden Entwicklungen von Städte verstanden sich immer mehr als Unternehmen zu verstehen (Vergleich Rosol), die versuchen ihren Standort attraktiver zu machen, um privates Kapital anzuziehen.
Auch in Hanau lassen sich typische Entwicklungen für eine „unternehmerischen Stadt“ und deren Umbau kommunaler Verwaltungsstruktur nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten beobachten: Neben der baulichen Entwicklung in Hanau hat Hanau in den letzten Jahren auch intern ein Umbau vorangetrieben: nämlich die Auslagerung städtischer Aufgaben in eigenständige GmbHs. Der neoliberale Umbau der Stadt findet sich also nicht nur in Plänen wie dem Wettbewerblichen Dialog sondern auch in der auch internen Struktu der Stadtverwaltung wider:
Folgenden Beispiele sind dafür zu nennen: Das Klinikum Hanau gGmbH, die Baugesellschaft Hanau GmbH, Hanauer Straßenbahn GmbH, Hanau Einkauf GmbH, Hanau Marketing GmbH, Betriebsführungsgesellschaft Hanau, BeteiligungsHolding GmbH. Die Stadtwerke Hanau sind zwar keine GmbH, stehen aber gerüchteweise kurz vorm Verkauf an die Mainova.
Dazu kommen noch die Auslagerung von KITAs, Grünflächenamtes sowie die Vergabe der Ferienspiele an private Betreiber.

Ein Beispiel: Die Baugesellschaft, die seit 2005 zur kommunalen Beteiligungsholding gehört wird gerade kritisiert, weil sie versucht 13 Häuser zu verkaufen. Die LINKE fordert einen Sanierungsplan statt den Verkauf, denn die MieterInnen müssten ansonsten entweder mit einer teuren Sanierung durch Investoren und damit einhergehende steigende Mieten rechnen oder die schlechte Wohnungsqualität wird sich nicht verändern.
Die Baugesellschaft möchte mit dem Erlös des Verkaufs die Sanierungen anderer Pestiege-Objekte finanzieren , nämlich darunter auch das geplante Kultur- und Schmuckquartier rund um den Altstätter Markt – was natürlich den Wettbewerblichen Dialog, indem der Altstädter Markt ja eher weniger betroffen ist, prima ergänzt.

Kommen wir zurück auf meine Frage am Anfang: Wie kommt eine Stadt wie Hanau auf die Idee einen Wettbewerblichen Dialog zu veranstalten?

Der „Wettbewerbliche Dialog“ wird von den Stadtplanern nicht nur als Chance sondern als – letzte Chance – für Hanau begriffen, sämtliche Städtebaulichen Pläne, die in der Vergangenheit immer wieder gescheitert sind, umzusetzen.

Was ist ein Wettbewerblicher Dialog?

Auszug aus dem Script auf der Veranstaltung am 20.4.2009:

Was ist ein Wettbewerblicher Dialog?

Der Wettbewerbliche Dialog ist eine bestimmte Form der Auftragsvergabe nach europäischem Vergaberecht, die mit einer Veränderung der Praxis und der Regeln für die Vergabe von öffentlichen Aufträgen einhergeht. Voraussetzung für den Einsatz dieses Mittels ist eine besondere Komplexität des zu bewältigenden Auftrags.

Das Vorgehen des Dialogs ist dreistufig.

In der ersten Phase können Unternehmen Teilnahmeanträge stellen.
In der zweiten Stufe beginnt der Dialog – mit den Firmen, nicht mit Betroffenen etwa in einem Stadtteil. In diesem Dialog sollen Lösungen erarbeitet werden, die das Problem des Auftraggebers lösen. Diese Lösungen werden mit den anbietenden Firmen zusammen erarbeitet.
In der dritten Stufe geben die Firmen letztlich die Angebote für den beschriebenen Auftrag ab.

Die Besonderheit an dem Verfahren ist, das Auftraggeber und Bewerber bereits vor der Abgabe der Angebote miteinander an Lösungen arbeiten, was im normalen Vergabeverfahren ausgeschlossen ist.

„Dialog“ meint also grundsätzlich den Dialog mit den sich bewerbenden Firmen, nicht mit der Hanauer Bevölkerung und Öffentlichkeit, wie der Titel des Verfahrens vermuten lässt. Dialog meint somit auch nicht die Diskussion städtischer Vorgaben mit und in der Bevölkerung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wettbewerblicher_Dialog