Archiv für Februar 2011

Maß und Ziel statt Umbau durch Visionäre

Eine „Einkaufszentrum mit Magnetwirkung“ sieht Visionär und Oberbürgermeister Kaminsky im zukünftigen Hanau, laut Artikel. Das ist uns natürlich nicht neu, denn das Geschwätz vom „neuen Hanau“, dem zu stärkenden „Oberzentrum“ und der damit vermeintlich unweigerlich verbundenen „Steigerung der regionalen Wettbewerbsfähigkeit“, müssen sich die HanauerInnen bereits mehrere Jahre anhören. In selbigem Artikel ist dann auch genau dreimal die exakte Formulierung zu lesen: „Fachleute nennen das Vorhaben in Ausmaß und Vorgehensweise bundesweit beispiellos“. Ganz ehrlich, das klingt ja auch toll – „bundesweit“ und „beispiellos“ – Wauw! Es ist die Form der Superlative welche hier erneut als Charakteristikum städtischer Politik beschrieben werden kann. Die Zuschreibung „bundesweit beispiellos“ ist ein Super-Image mit welchem sich die Stadt Hanau präsentieren möchte. Mit der Idee einer zukünftigen „Einkaufsstadt mit Magnetwirkung“ wird dem Image dann noch eine passende Vision hinzugefügt, und fertig ist der Plot: „Hanau verändert sich großartig und wird beliebt sein“, sagen die Fachvisionäre.

Magnet

Anleitung zu Nutzung bestehender Wohnungen

Gehen wir mal einen Schritt zurück in die Gegenwart und richten den Blick auf das was „Rund um die Wallonisch-Niederländische Kirche“ von (Fach)Betroffenen Neues zum Vorschein kommt. Die Diskussion um die Gebäude im Westcarre, welche abgerissen werden sollen, wobei nach den Plänen 178 Mietparteien die Wohnungen verlieren, um höherwertigem Wohnraum Platz zu machen, ist bekannt. Von einer Sprecherin des Mieterrats der „Französischen Allee“ wurde am 10. Januar diesbezüglich erneut ein Offener Brief an Kaminsky verfasst. Darin heißt es:

„Für die jahrelange Vernachlässigung dieser Gebäude tragen ja auch Sie die Mitverantwortung als Aufsichtsratsvorsitzender der städt. Baugesellschaft und auch als Oberbürgermeister dieser Stadt – zuständig für alle Bürger, auch für uns Menschen, die in den Gebäuden der Baugesellschaft leben. Aber Versäumtes kann man nachholen!“

Bei klarem Sachverstand kann Mensch hier nur zustimmend sagen: Ja, bitte OB, sanier die Wohnungen endlich – es gab doch sicherlich im Jahr 1999 ein Vision dazu! (Aufsichtsrat der Baugesellschaft beschließt Sanierung). Es wäre ja auch kein Einzelinteresse der Sprecherin diese Wohnungen zu erhalten, denn:

„Gerade das Vorhandensein von 1, 2 und 3-Zi. Wohnungen in unserer Wohnanlage fördert ganz zwangsläufig das Zusammenleben mehrerer Generationen, was man anderswo mit teuren Einrichtungen erzwingen will, war und wäre auch weiterhin hier auf natürlich gewachsene und kostensparende Weise zu erreichen (Nachbarschaftshilfe zu jeder Tages- und Nachtzeit, wie es in den vielen Jahren zuvor teilweise hier praktiziert wurde und noch wird). Nun ist man seitens der „sozialen“ Stadt und der Baugesellschaft drauf und dran, diese gewachsenen Strukturen zu zerschlagen, was man ja schon zum größten Teil erreicht hat.“
(Anm. d. Blogmod: Über das Quartiermanagement der „Sozialen Stadt“ Südliche Innenstadt werden BewohnerInnen zum Auszug aus dem Quartier der Französischen-Allee zu überreden versucht.)

Mit etwas Geschick könnte der liebe OB den Vorschlag des Mieterrates aufnehmen und sich die Vision sparen (leider ohne Euro). Es gibt diesen höherwertigen Wohnraum nämlich bereits, und zwar aus Gesichtspunkten des gesellschaftlichen Zusammenlebens, aber auch aus baulichen Gründen.

„Und das Ganze geschieht ohne nachvollziehbaren Grund, denn die Häuser sind in keinem schlechteren Zustand als viele andere, die man saniert. In diesem Falle – Abriss des Westkarrees – wird Volksvermögen vernichtet, einfach mal so! – nur um „zeitgemäßen „Wohnraum zu schaffen, den man dann 4 bis 5 Jahre „vermarkten „ muss, um ihn an den Mann/Frau zu bringen!! (siehe Gärtnerstraße, Luise Schröder Straße u.a.), während hier Wohnungen mit Etagenheizungen, gefliesten Bädern und eingebauten Duschen vernichtet werden.“

Eine umsichtige Risikoabwägung

Vielleicht muss der liebe OB sich endlich mal beim Mieterrat erkenntlich zeigen, denn dieser gibt Ihm offen zu verstehen, welche weiteren Fehler Er dringlichste vermeiden soll.

„Auch die Bewohner der Ost-und Südseite der Französischen Allee wird es treffen, genauso wie die Bewohner in der Altstadt und im Bangert. Am Ballplatz und in der Schützenstraße sind die Wohnungen in ähnlichem Zustand. Einige hat man „hergerichtet“, um sie den „Auszugswilligen“ aus dem Westkarree schmackhaft zu machen. Diese Häuser sind ebenso wenig energetisch saniert wie die an der Nordstraße. Wenn es dort dann einmal so weit ist, werden die Mieter auch weichen müssen, weil dann die Mieten durch die hochwertige Sanierung für sie nicht mehr bezahlbar sein werden.

Sehr geehrter Herr Kaminsky, ist es wirklich Ihr Ziel, die derzeitigen Bewohner der Innenstadt gegen junge dynamische Leistungsträger der Gesellschaft auszutauschen?“

Mensch, OB, wer von den Investoren kommt schon so offen daher und macht eine ehrliche Risikoabwägung? (Stichwort: Public-Private Partnership Falle + Stadtverschuldung). Ach ja, bei der ihrigen, sicherlich gutgemeinten, Vision-Hanau, und der ihrigen magnetischen (werbewirksamen) Stadtvaterfigur, möge noch gesagt sein: Magnetismus ist „anziehen und abstoßen“ zugleich. Deshalb nun genau lesen was eine weitere Sprecherin des Mieterrates in einem Leserbrief zu sagen hat:

„Mit dem geplanten Abriss des sogenannten „Westkarrees“ geht wieder bezahlbarer Wohnraum verloren, da hilft auch kein Verweis auf die Randbereiche wie z.B. US- Konversionsflächen. Nicht nur Hartz IV- Empfängern, auch Kleinrentnern bleibt demnach ein Umzug dorthin erspart.

Auch als potenzielle Käufer in den kubistischen Bauklötzen wird man die oben erwähnten Einwohner nicht finden. Erhofft sich doch das Stadtparlament von der sich ansiedelnden Mittelschicht im Westkarree schon für 2014 Steuereinnahmen in Höhe von 1,4 Millionen Euro. In den geplanten Neubauten, die eine Haus- in – Haus-Situation darstellen, sollen Bürger „mit ordentlichen Berufen und einem Jahreseinkommen von ca.33.000 Euro Netto pro Jahr einziehen, denn diese gute Wohnlage muss Ihnen vorbehalten bleiben.

Sozialpolitischer Kahlschlag droht demnach nicht nur Langzeitarbeitslosen, sondern allen Bürgern mit niedrigen Einkommen. Man kann zwar Träume haben, aber eine Einkaufssituation wünschen, wie im Jahr 1970 – mit Vollbeschäftigung und Kasernen voller G I´s – werden solche Visionen eben nur Visionen bleiben!“

Der Mieterrat ist darüber hinaus auch seit langer Zeit fast jeden Samstag auf dem Marktplatz mit einem Stand vertreten. Bei Gesprächen mit HanauerInnen und Auswärtigen konnten bereits 2000 Unterschriften „gegen BAUSÜNDEN in der INNENSTADT“ gesammelt werden, welche der OB ja kürzlich zugesandt bekam. Nun kam zu Ohren, dass Er die Tatsache, dass viele Auswärtige dort unterschrieben haben, und damit eine Meinung zum Umbau ausdrücken, als eine Verfehlung der Unterschriftenliste ansehe. Ach so, die Auswärtigen sind also nun nicht erwünscht! Wie komisch, dachten doch alle gerade um diese ginge es bei dem ganzen Umbau sowieso nur?