Archiv für November 2010

Aufwertung der Innenstadt – Bäume sollen Einkaufszentrum weichen

Es wird im Allgemeinen bei Stadtentwicklung viel von „Aufwertung der Innenstädte“ gesprochen. Doch „Aufwertung“ ist nicht gleich „Aufwertung“. Klar ist, dass städtische Strukturen, etwa Industriestrukturen und Bevölkerungsstrukturen, sich verändern, und sich Stadtplanung an diesen Veränderungen orientieren muss. Wenn dabei „Aufwertung“ nur ein anderer Begriff für die „Verwirklichung ökonomischer Verwertungsinteressen“ ist, dann lehnen wir „Aufwertung“ und die bestehende Stadtplanung ab. Die Pläne für den Freiheitsplatz fallen unter diese Kategorie von „Aufwertung“. Die Innenstadt AG, ebenso wie die „KritikerInnen des Wettbewerblichen Dialoges“ wenden sich nicht grundsätzlich gegen sog. „Aufwertungsgedanken“, sondern betrachten die stadtplanerischen Maßnahmen in Hanau aus einer kritischen Perspektive – Bsp. siehe „Hanau baut“ ein Einkaufszentrum auf dem Freiheitsplatz – aber was soll das?. Der Begriff „Aufwertung“ wird in den Alternativvorstellungen allerdings meistens bewusst ausgespart, da er in seinem Kontext ökonomisch fixiert ist. Aus diesem Grund haben die genannten Gruppen seit Beginn des Dialogs alternative Ideen für den Freiheitsplatz angedacht, und dabei auch auf Ideen von HanauerInnen zurück gegriffen. Insbesondere die Idee eines Bürgerparks (angedachte Bezeichnung), oder die Forderung den Freiheitsplatz nicht zu bebauen und nicht zu kommerzialisieren, stammen aus der städtischen Diskussion der letzten Jahre. Einen Auszug dieser Diskussion gibt es hier: Ökologisches Bewusstsein zum Freiheitsplatz.

Ökologie und Stadtplanung
Auf zwei Punkte soll hingewiesen werden, welche das Thema „Ökologie und Stadtplanung“ betreffen.

Erstens: Aufwertung und Ökologie.
Gefährlich ist, wenn „Aufwertungsgedanken“ in Verbindung mit „ökologischen Maßnahmen“ die Entstehung einer sozial gespaltene Stadt beschleunigen. Was heißt das? Eine ökologische Innenstadterneuerung darf die Verdrängung ökonomisch schwächer gestellter Bevölkerungsgruppen aus der Innenstadt nicht anfeuern. Wie funktioniert das? Ökologie lässt sich gut vermarkten. Insbesondere die „neuen Bewohnerzielgruppen“ (die ja alle erst noch nach Hanau ziehen sollen) sollen in Hanau gesund wohnen. Deshalb wird Hanau von den Stadtoberen auch als eine „grüne Stadt“ bezeichnet und in den Medien immer wieder auf ausgewählte vermarktungsrelevante ökologische Aspekte Bezug genommen. Die tatsächliche ökologische Situation und die ökologischen Vermarktungsstrategien stehen hierbei im Widerspruch zueinander, wie wir bereits vor Monaten gezeigt haben- siehe dazu Stehn geblieben – Klimagutachten her. Besteht die Gefahr der ökologischen Verdrängung für Hanau? Diese Gefahr kann angenommen werden. Ein Gutachten zur Gesamtstädtischen Entwicklung Hanaus1 soll von den politischen Ausschüssen und im Rathaus „in den nächsten Monaten“ besonders berücksichtigt werden. Darin steht: „Natur und Freiräume spielen eine herausragende Rolle für die Lebensqualität in einer Stadt. Sie sind ein natürliches Kapital, das es zu erhalten und zu entwickeln gilt, um Hanau als attraktiven Wohnstandort zu profilieren“2. Natürlich gehen auch Gutachten mal an der Realität vorbei, und es kommt alles ganz anders. Ist das hier dann Panikmacherei? Nein, sondern der Versuch Ökologie und Stadtplanung differenziert zu sehen. Denn umso wichtiger ist der zweite Punkt, welcher Realität ist, und wo ökologische Fragestellungen keinen Vermarktungszweck haben und keine negativen sozialen Folgekosten, ganz im Gegenteil.

Zweitens: Aufwertung und Zerstörung.
Nicht nur in Hanau werden Baume gefällt um Platz für die „ökonomischen Verwertungsinteressen“ zu machen. Die Stuttgart S21 Diskussion ist ein gutes Beispiel, ebenso wie die Diskussion in Hamburg Wilhelmsburg. In Hamburg sagen engagierte Leute, dass „Baumfällungen – eine Notwendigkeit im Unternehmen Hamburg“ zu sein scheinen, und stellen sich dagegen. Ebenso stellen wir uns in Hanau gegen die Fällung der Bäume auf dem Freiheitsplatz. Die Baumfällungen wären der Beginn der Zerstörung gewachsener städtischer Strukturen der sog. „Aufwertung“ wegen. Die Fällung der Bäume war seit Beginn des „Wettbewerblichen Dialogs“ eine vorgesehene Maßnahme, um Platz für ein Einkaufszentrum, und zur weiteren Kommerzialisierung des Platzes, zu haben. Der jüngsten Diskussion um eine baldige Fällung einiger Bäume wegen einer Pilzerkrankung stellen sich die KritikerInnen des Wettbewerblichen Dialoges mit einer entsprechenden Stellungnahme konstruktiv und vehement dagegen. Wie in der Stellungnahme zu lesen ist, wurde fachkundiger Rat eingeholt, um den städtischen Verwertungsmarsch zu stoppen.

Hier ein paar Auszüge der Stellungnahme:

„Nach Meinung der Kritiker/innen des Wettbewerblichen Dialogs zeigt die Krankheit der Platanen (wenn sie sich bestätigen sollte), wie wichtig eine umwelt- und klimafreundliche Stadtplanung ist. Eine Bebauung mit einem Einkaufszentrum aus Beton geht in die falsche Richtung. Dadurch würden Böden versiegelt und die Luftzirkulation behindert. 96 Bäume auf dem Freiheitsplatz würden gefällt. Bäume sind im Lebensraum für Menschen und Tiere unerlässlich.“

„Es geht uns aber nicht nur um die Bäume – es geht um die grundsätzliche Frage, welche Werte bei der Stadtplanung im Vordergrund stehen sollen. Bedeutet eine Aufwertung der Innenstadt, dass man einen größeren Teil der Bürger gegen zahlungskräftigere Exemplare austauscht, wie es zum Beispiel an der Französischen Allee geschehen soll? Oder soll eine lebenswerte Umwelt für die Menschen gesichert und verbessert werden, die hier leben?“

„Die Bäume wurden möglicherweise vernachlässigt – jetzt sollen sie gefällt werden. Die Wohnungen an der Französischen Allee wurden von der Baugesellschaft vernachlässigt – jetzt sollen sie abgerissen werden. Eine nachhaltige Stadtplanung sieht anders aus.“

  1. Konversion militärischer Liegenschaften in Hanau – Gesamtstädtischer Entwicklungsrahmen, Planungsbüro Albert Speer & Partner, 2010 [zurück]
  2. Auszug Speer Gutachten [zurück]