Vortrag zum „Wettbewerblichen Dialog“ in Hanau
bei der Veranstaltung: „Private Investoren oder Bürgerbeteiligung? Wer bestimmt die Kommunalpolitik?“
am 27.4.2010 in Aschaffenburg
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Vielen Dank für die Einladung. Mit dem o. a. genannten Thema setzen wir uns in Hanau seit dem Jahre 2001 auseinander, in dem der Magistrat der Stadt Hanau begann, öffentliche Einrichtungen z. B. des Nahverkehrs und der Energieversorgung zu privatisieren, weitere Schritte in diese Richtung unternahm und aktuell im Rahmen des „Wettbewerblichen Dialogs“ weite Teile der Innenstadt zum Verkauf an Privatinvestoren freimacht. Unter dem Thema der heutigen Veranstaltung will ich nicht zu sehr auf Hanauer Details eingehen, sondern versuchen, die uns gemeinsam betreffenden Prinzipien der gegenwärtigen kommunalen Strukturpolitik darzustellen. Diese befindet sich bekanntlich im Zustand der Unterfinanzierung resp. Ausplünderung durch eine kapitalfreundliche Steuer- und Sozialpolitik aller Regierungskoalitionen der letzten beiden Jahrzehnte. Die in den Rathäusern amtierenden Parteien versuchen in der Regel, diese Problemlage durch am Markt orientierte Ausgliederungs- und Privatisierungsstrategien zu bewältigen. Unsere Ausgangsposition ist, daß dies nicht gelingen kann, nicht für die Stabilität der kommunalen Haushalte, schon gar nicht für die Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Lage auf öffentliche Dienst- und Vorsorgeleistungen angewiesen sind. Daher sehen wir unser Interesse darin, a) weiteren Privatisierungen Widerstand entgegenzusetzen, b) die Wiedereingliederung, also Rekommunalisierung bereits veräußerter Einrichtungen zu fordern.
In der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitung „ver.di-Publik“ schreibt der bekannte oppositionelle Privatisierungsexperte Werner Rügemer zur derzeitigen Lage: „Bei aller möglichen Miß- und Klüngelwirtschaft in den Kommunen ist unbestreitbar: Ihre strukturelle Verschuldung wurde und wird durch die Bundesregierungen verursacht, in zweiter Linie durch die Landesregierungen. Beginnend mit der deutschen Vereinigung, dann insbesondere seit etwa dem Jahr 2000 folgten die Bundesregierungen dem neoliberalen Muster: Neben der Aufwertung der Großbanken und der Export- und Energiekonzerne gehört dazu die Abwertung des öffentlichen Dienstes und der Kommunen, während der Zentralstaat ausgebaut wurde. Allein die Steuergesetzgebung der schwarz-roten Bundesregierung seit 2005 bringt den Kommunen bis 2013 einen Verlust von knapp 20 Mrd. €. Und allein die ersten Steuersenkungen der neuen schwarz-gelben Regierung seit Anfang 2010 … führen zu jährlichen Verlusten der Kommunen von 1,6 Mio. €.“ Hier wäre in der gebotenen Kürze dieser Ausführungen natürlich auch an die Steuersenkungspolitik der Regierung Schröder/Fischer zu erinnern, die bspw. schon im Aufschwungjahr 2000 massiv die Steuersätze für Einkommen- und Körperschaftssteuer gesenkt hat, Unternehmensverkäufe von Steuerverpflichtungen freistellte etc. Aktuell kommen durch die gegenwärtige Krise verursachte Verluste bei den Steuereinnahmen hinzu: 2009 sanken die kommunalen Einnahmen um etwa 3,6 Mrd. € auf 171,3 Mrd. €, während die Ausgaben um 8,5 Mrd. € auf 175,75 Mrd. € stiegen. Mit der Einrichtung der sogenannten „Schuldenbremse“ im Grundgesetz wird in den nächsten Jahren noch zusätzlicher Druck auf uns zukommen, der momentan noch gar nicht einzuschätzen ist. Zusammen mit den Maastricht-Kriterien ist dies ein massives Druckmittel, das die Herrschenden gegen uns bereitstellen.
Klarzustellen ist aber auch, daß eine Rückwendung zu einem angeblich sozial verpflichteten Kapitalismus vergangener Zeiten uns nicht weiterhilft, weil ökonomisch, politisch und ideologisch diese Verhältnisse längst zerstört resp. „historisch überwunden“ sind. Noch einmal Rügemer: „Die kommunale Infrastruktur ist eine elementare Voraussetzung für den Sozialstaat und den Zusammenhalt der Gesellschaft, für ein sicheres Leben der Bürger.“ So sollte es sein, so waren wir in früheren Zeiten gewohnt zu denken. Hiergegen hat aber schon Karl Marx festgestellt, daß der Kapitalismus durch seine profitorientierte Entwicklungsdynamik ständig die Bedingungen seiner eigenen Existenz umwälzt, mit Folgen für die gesamte Gesellschaft. Die Veränderung des politisch-ökonomischen Stellenwerts der Kommunen in den letzten 20 Jahren ist ein Beispiel dafür: Je mehr die Menschen durch Interessenverbände, Politik und Publizistik im Dienste des Kapitals, namentlich der exportorienten Fraktionen, auf die Ideologie getrimmt wurden, daß der Markt die bester aller Welten sei und alles richte, desto mehr kam dies auch in der Kommunalpolitik an. Denn diejenigen, die die kommunalen Haushaltsnöte zu bewältigen haben, sind vom gleichen Schlag wie diejenigen, die ihnen von Berlin aus diese Suppe einbrocken.
Nur durch diese gesellschaftliche Vorherrschaft kapitalistischen Denkens, noch gesteigert in seiner neoliberalen Form, läßt sich erklären, daß der finanzielle Druck auf die Kommunen sich in Richtung Privatisierung bewegte. Politisch besteht ja auch die Möglichkeit, eine bessere Finanzausstattung zu fordern und diese durch Reformen abzusichern, die den Bedarf der in den Kommunen lebenden Menschen abdecken, nicht die Profitinteressen der Unternehmen. Zwar geschieht dies auch von Zeit zu Zeit. Solche Appelle drücken aber unter gegenwärtigen Verhältnissen nur aus, daß die Not wirklich groß ist, und fallen kurz darauf wieder in sich zusammen, wenn es nur eine „Bewegung der Oberbürgermeister“ ist. Der vorherrschende Trend ist vielmehr, die kommunalen Einrichtungen selbst an Marktbedingungen anzupassen (z. B. „doppische Buchführung“), sie formalrechtlich zu privatisieren (sie dadurch aus dem regulären Haushalt und/oder dem Tarifrecht des öffentlichen Dienstes auszugliedern) oder gleich ganz zu verkaufen und die Erledigung kommunaler Aufgaben profitorientierten Unternehmen zu überlassen, die mit Billiglöhnen arbeiten, aber in der Preisgestaltung oftmals nicht billiger sind. Auf die einzelnen Erscheinungen von Privatisierung kommunaler Einrichtungen wie PPP, Cross-Border-Leasing etc. will ich hier nicht eingehen. Erfreulicherweise sind in letzter Zeit aber auch Rekommunalisierungen festzustellen, d. h. die Gemeinde kauft den Betrieb zurück, um die Versorgung in eigener Regie wieder sicherzustellen.
Die zentrale These ist: Wir haben es heute mit einem Leitbild von Kommunalpolitik zu tun, in dem Qualität und Versorgungssicherheit eines breiten Angebots öffentlicher Dienstleistungen in den Hintergrund tritt gegenüber betriebswirtschaftlicher Effienz. Das ist kein Naturgesetz, sondern Folge kapitalfreundlicher Steuer- und Sozialpolitik sowie in der Gesellschaft vorherrschender marktorientierter Ideologie. Die Kommunen tragen zur Verschuldung aller öffentlichen Ebenen nur ca. 10 % bei, doch die Auswirkungen auf die BürgerInnen sind groß und direkt spürbar, weil sie einen großen Teil der öffentlichen Infrastruktur betreiben: Energie- und Wasserversorgung, Entsorgung, Nahverkehr, Grünanlagen, Schwimmbäder, Bibliotheken, Krankenhäuser, Schulen, Kindertagesstätten usw.
Privatisierung in Hanau
In Hanau wurde die Privatisierungspolitik durch den Magistrat seit 2002 vorangetrieben. Der Anlaß hierfür war nicht zuletzt der Druck der Haushaltsüberwachung seitens des Darmstädter Regierungspräsidiums, der staatlichen Aufsichtsbehörde. Bestimmte Ämter, Fachbereiche und Eigenbetriebe wurden formal in GmbH’s umgewandelt. Daraus entstand durch Verschachtelung schließlich ein Gebilde, das als „BeteiligungsHolding Hanau GmbH“ geführt und ideologisch gern als „Konzern Stadt Hanau“ bezeichnet wird. Solche Beteiligungen sind u. a.: 1. die Baugesellschaft, deren Töchter Hanauer Parkhaus GmbH und Hanauer Märkte GmbH; 2. die Hanauer Straßenbahn (von 2001 bis 2006 zur Hälfte an Verkehrsgesellschaft Frankfurt verkauft), deren Tochter (25 %) Stadtverkehr Maintal; 3. Stadtwerke Hanau (53,1 %, Rest Mainova Frankfurt); 4. verschiedene Beteiligungen, z. B. Comoedienhaus Wilhelmsbad, Technologie- und Gründerzentrum Hanau GmbH, Baugenossenschaft Steinheim, Bau- und Siedlungsgenossenschaft Klein-Auheim, Volks- und Raiffeisenbank Hanau.
Im Jahre 2004 fand die Auseinandersetzung um die Rechtsumwandlung des Grünflächenamtes, des Eigenbetriebes Kindertagesstätten, des städtischen Einkaufs und des Klinikums in GmbH’s statt. Kerngruppe des Protestes gegen diese Maßnahmen war seinerzeit das frisch gegründete Hanauer Sozialforum.
Das Hanauer Sozialforum – Bündnis gegen Sozialabbau bestand damals noch aus einer Vielzahl aktiver linken Gruppen und Einzelpersonen (z. B. GewerkschafterInnen, Attac, Erwerbslose, DIDF, Antifa, Migrantengruppen, Grüne, Linke, DKP). Es führte eine ganze Reihe öffentlicher Veranstaltungen durch, die zunächst auch gut besucht waren, und Infostände in der Innenstadt, machte Pressearbeit, insbesondere in der Frankfurter Rundschau, auch durch eigene Artikel und Leserbriefe, und schrieb einen offenen Brief an den Magistrat. In diesem heißt es u. a.: „Wir fordern den Magistrat auf, in den kommunalen Spitzenverbänden, bei der Landes- und bei der Bundesregierung für eine Erhöhung der Unternehmenssteuern und eine drastische Anhebung des Anteils der Gemeinden am Steueraufkommen einzutreten. Dadurch werden kommunale Investitionen in soziale Infrastruktur und öffentliche Daseinsvorsorge gewährleistet. Wir fordern die Rücknahme des Haushaltkonsolidierungskonzepts 2004 und die Beendigung der eingeleiteten Prüfverfahren in den Bereichen Kindertagesstätten, Grünflächenamt und Einkauf. Das Hanauer Sozialforum wird diese Privatisierungspolitik nicht hinnehmen und entschieden der Umsetzung entgegentreten. Wir werden die Pläne öffentlich machen und die Bevölkerung darüber informieren, daß diese in einen Angriff gegen die Beschäftigten im öffentlichen Dienst münden werden und daß zwangsläufig das Leistungsniveau sinkt und die Gebühren steigen.“
Leider kam es nicht so. Die Öffentlichkeitsarbeit des Sozialforums reichte nicht aus, Gegenbewegung zu mobilisieren, und der Vorschlag eines Bürgerbegehrens konnte nicht umgesetzt werden. Am 27. September 2004 beschloß das Stadtparlament die Rechtsformumwandlung der betroffenen Betriebe (ohne die Kindertagesstätten). Entscheidend für diese Niederlage dürfte die Bereitschaft der Gewerkschaft ver.di -d. h. des Bezirksvorstandes und der im Bereich der Stadt Hanau arbeitenden Funktionäre und Gewerkschaftsmitglieder- gewesen sein, die Strategie des Magistrats mitzutragen, zumindest sich nicht aktiv dagegen zu stellen.
Der „Konzern Hanau“ dient den Zwecken der Ausgliederung aus dem im engeren Sinne kommunalen Haushalt und der Tarifflucht (Beispiel: Fahrergesellschaft). Damit ist der Forderung der staatlichen Aufsichtsbehörde nach einem genehmigungsfähigen Haushalt offenbar Rechnung getragen. Erklärtes Ziel der SPD ist dabei, diesen Konzern im Eigentum der Stadt zu halten. Das Problem besteht darin, daß sie hierfür auf Wettbewerbsfähigkeit und betriebliche Rationalisierung setzt. Dabei schwankt der Hanauer Kurs zwischen dem Versuch, die privatisierten Betriebe der Marktkonkurrenz frei auszusetzen (Ausschreibungsmodell) oder auf Auftragserfüllung im Stadtbereich zu beschränken („In-House-Konzept“). Im April 2006 schrammte die HSB an einer existenzbedrohenden Krise knapp vorbei und hat bis heute noch keinen gültigen Tarifvertrag als Nachfolger für den ausgelaufenen BMT-G (Bundesmanteltarifvertrag für die ArbeiterInnen der kommunalen Betriebe).
Nach Presseberichten betrug der Bilanzverlust für die Beteiligungsholding im Jahr 2008 satte 5,8 Mio. €, im Jahre 2009 erneut 5,9 Mio. € (Bilanzsumme ca. 437 Mio. €). Im Januar 2010 wurde davor gewarnt, daß bei anhaltenden Verlusten die Holding in sechs Jahren Insolvenz anmelden müsse. Im städtischen Haushalt sieht es nicht besser aus: Nach vorübergehender Entlastung in 2007 und 2008 wurde im Krisenjahr 2009 eine Deckungslücke von 70 Mio. € im städtischen Haushalt ausgemacht. Die Einnahmen aus Gewerbe- und Einkommensteuern seien deutlich stärker eingebrochen als erwartet, erklärte der Magistrat. Es drohen nun eine allgemeine Haushaltssperre, Einsparungen bei den Energie- und Verwaltungskosten quer durch alle Ämter, Eigenbetriebe und Gesellschaften sowie spezielle Maßnahmen wie z. B. ein „Sanierungstarifvertrag“ am Klinikum.
Zum Wettbewerblichen Dialog
Diese Ausführungen sollten verdeutlichen, welchen Weg die Stadt seit der Androhung der staatlichen Zwangsverwaltung 2001 gegangen ist. Die kommunalpolitische Führung mag subjektiv ehrlich der Illusion aufgesessen sein, daß ihr dieser Weg der Konsolidierung gelingen könnte, egal auf wessen Kosten er geht. Einmal auf der schiefen Bahn der Privatisierung angelangt, geht es aber jetzt immer schneller. Die Radikalprivatisierung durch das im folgenden zu beschreibende Verfahren des „Wettbewerblichen Dialogs“ (WeDi) ist die logische Konsequenz des Desasters im städtischen Haushalt und in der Beteiligungsholding und wird soziale Verwüstungen hinterlassen, wenn nicht eine grundsätzliche kommunalpolitische Wende durchgesetzt werden kann, die die Plünderung der öffentlichen Haushalte durch kapitalfreundliche Steuerpolitik und die einseitige Fixierung auf betriebswirtschaftliche Effienz beendet.
Da ich von einem Aschaffenburger Publikum keine genauere Ortskenntnis in Hanau voraussetzen kann, werde ich die folgenden Darstellungen kurz halten und auf das Prinzip des WeDi konzentrieren. Der WeDi bezeichnet ein auf neu geschaffenem EU-Recht basierendes Auswahlverfahren, an dessen Ende die Stadtverordnetenversammlung einem Städtebauunternehmen (Investor) den Auftrag erteilt, die Hanauer Innenstadt umzugestalten. Räumlich umfaßt sind hier -für diejenigen, die sich in Hanau etwas auskennen- die fünf zentralen Plätze: Schloßplatz, Altstädter Markt, Freiheitsplatz, Marktplatz und Niederländisch-Wallonische Kirche.
Die Bezeichnung „Dialog“ ist irreführend, weil er zwar eine Kombination von „offenen“ und „nichtoffenen“ Verhandlungen umfaßt. Gemeint sind jedoch nicht diejenigen, die es angeht, nämlich die BürgerInnen der Stadt, sondern die kommunalpolitische Führung und die sich bewerbenden Firmen. Das Verfahren läuft etwa so: Zunächst konzipiert die Stadtverwaltung den Auftrag -hier also den Umbau der Innenstadt- und schreibt diesen aus. In einem zweiten Schritt wählt sie eine Anzahl der Bewerber aus – in unserem Fall ursprünglich sieben. Mit diesen beginnt dann der Dialog, in dessen Verlauf Stadt und Auftragsbewerber ihre jeweiligen Vorstellungen präzisieren und abstimmen. Alle Beteiligten müssen hierbei übereinstimmen, dass ihre Planungen offengelegt werden, so dass alle jeweils Bescheid wissen. Auch eine Information der Öffentlichkeit durch Presse und Veranstaltungen findet statt. Nur entscheiden dürfen die BürgerInnen nicht. Am Ende wählt das Stadtparlament ein Konzept aus und überträgt die hochkomplexe Aufgabe der Umgestaltung der gesamten Innenstadt an das als Sieger hervorgegangene Unternehmen.
Was bedeutet das? Die Investoren haben natürlich nicht vor, den BürgerInnen in Hanau etwas Gutes zu tun, sondern sie wollen ihr Kapital gewinnbringend einsetzen. Das „Filetstück“, um das es geht, ist der Freiheitsplatz, der heute ein „toter“ Platz ist – Pkw-Parkplatz und Busbahnhof. Dort soll ein Einkaufscenter entstehen, daß die Innenstadt beherrscht und Profit bringt. Ende März diesen Jahres wurde genau dort, am Rande des Freiheitsplatzes, die traditionsreiche Karstadtfiliale dicht gemacht. Der Kommentar des Oberbürgermeisters dazu war: „Eine Stadt wie Hanau verträgt eben keine zwei großen Kaufhäuser (neben Kaufhof, unweit am Marktplatz).“ Wenn das so sei, warum vergibt die Stadt einen Auftrag für ein Einkaufscenter am gleichen Ort (und darüber hinaus am Postcarree und am Kinzigbogen)?
Es ist das oben skizzierte Denken in Markt- und Konkurrenzbeziehungen. Einerseits fühlen sich KommunalpolitikerInnen und weite Teile des Hanauer Bürgertums in Konkurrenz gesetzt zu Städten wie Aschaffenburg, Fulda, Offenbach, Frankfurt, denen gegenüber Hanau ärmlich und unattraktiv erscheint. Andererseits ist die Kommune finanziell nicht handlungsfähig, um ihr Outfit grundlegend umzukrempeln. Der WeDi ist ein neues Verfahren mit dem alten Motiv, sich Unternehmen anzubiedern, damit diese investieren. Der Trick beim WeDi ist der Versuch, den Investoren im Gegenzug für das Filetstück „Einkaufscenter“ städtebauliche Maßnahmen aufzuhalsen, die nur teils kommerziellen, sondern eben kulturellen und vielleicht sozialen Zweck haben: z. B. eine neue Stadtbibliothek, ein Brüder-Grimm-Center, neuer Standort für die Wetterauische Gesellschaft, Multiplexkino, Hotel und einiges mehr. Das hilft Hanau z. B. als Tagungsort und als Touristenattraktion.
Besonders brisant ist aber auch die Gestaltung bisher vernachlässigter Wohnbereiche in der Altstadt und um die Französische Allee. Hier kommt das zweite Motiv der Stadtspitze zum Tragen. Hanau als gewachsene Arbeiterstadt ist von relativ niedrigem Einkommensniveau geprägt (hessische Statistiken bestätigen das). Mit der Neugestaltung, besser gesagt: dem Abriß älterer Wohnbereiche, die bisher der städtischen Baugesellschaft gehören, an deren Stelle teure Wohnungen für zahlungskräftigen Mittelstand errichtet werden sollen, wäre ein „Bevölkerungsaustausch“ im innenstadtnahen Bereich verbunden, der mehr Kaufkraft in die Stadt bringen und Hanau marktorientiert „nach vorne“ bringen soll. Es ist davon auszugehen, daß dies ein starkes Motiv für den Umbau der Innenstadt ist.
Vordergründig sieht es so aus: Die kommunalpolitische Führung macht ihre Vorgaben, und die Investoren bemühen sich, dem gerecht zu werden. Das wirkliche Verhältnis wird jedoch klarer, wenn man sich vor Augen hält, daß die Stadt öffentlichen Raum und ihre Verfügungsgewalt darüber verkauft. Von dem letztendlich ausgewählten Planer, Investor und Betreiber wird erwartet, dass er ca. 250 – 280 Mio. € investiert, während die Kommune lediglich 20 Mio € beitragen wollte, also nicht einmal ein Zehntel (Stand 2009, inzwischen sind die Zahlen anders). OB Kaminsky stellt dies in der Öffentlichkeit beinahe als wohltäterisches Engagement der Investoren dar, was doch tatsächlich privatwirtschaftliche Verwertung und Gewinnmaximierung ist. Dies beschreibt das Kräfteverhältnis eindringlich und macht anschaulich, wer nach dem endgültigen, im Mai zu fassenden Beschluss tatsächlich das Sagen hat, nämlich der obsiegende Investor.
Inzwischen steht der WeDi als Bieterverfahren vor dem Abschluß. Nach Aussortierung von Bewerbern sind aktuell nur noch zwei Investoren übrig (HBB aus Lübeck und 3w/ing aus den Niederlanden). Am 25. Mai soll zwischen diesen beiden endgültig entschieden werden. Beide Investoren haben inzwischen erklärt, daß sie nicht im vollen territorialen Umfang investieren, sondern sich auf den Freiheitsplatz konzentrieren wollen. Einvernehmlich setzen sie die Stadt unter Druck, und die in Aussicht gestellten Kosten für den städtischen Haushalt steigen (mittlerweile 42 Mio. €). Baubeginn soll Anfang 2011 sein.
Der „Wettbewerbliche Dialog“ im hier beschriebenen Sinne wird getragen von der Rathauskoalition (SPD, FDP, Grüne, BfH) und zwei sogenannten Oppositionsparteien (CDU, Rep). Hiergegen wehrten sich zunächst die Einzelhändler, weil sie übermächtige Konkurrenz befürchten müssen. Sie stellten ihren Protest aber sehr bald ein, weil sie von ihrem eigenen Selbstverständnis her gegen ein kapitalfreundliches Projekt keinen grundsätzlichen Widerstand entwickeln können. Real treten nur im Rathaus die Fraktion Die Linke, außerparalamentarisch das Sozialforum und der Mieterrat der Französischen Allee dagegen auf – mit Veranstaltungen, Infoständen, „Kritischen Stadtführungen“, Presserklärungen (z. B. an die Grünen).
Alternativen
Was sind die Alternativen? Aus Sicht des Sozialforums und des Mieterrates geht es darum, a) die Rechte der vom Verlust ihrer Wohnungen bedrohten MieterInnen zu verteidigen, b) die Gestaltung des Freiheitsplatzes völlig anders in die Diskussion zu bringen. Anstatt der kommerziellen Nutzung muß ein Ausbau als Erholungsraum für BürgerInnen und BesucherInnen der Stadt Hanau beginnen. Die Stadtspitze, die ständig nach Landes-, Bundes- und EU-Fördergeldern für ihre kommerziellen Pläne Ausschau hält, sollte dies mal für eine völlig andere Orientierung tun.
Wichtig ist die Positionierung der Gewerkschaft ver.di. Am 11. Mai werden das Sozialforum und der Mieterrat eine öffentliche Veranstaltung zum Thema PPP durchführen, die inzwischen auch vom ver.di-Bezirk Hanau unterstützt wird. Der bisherige Privatisierungsprozeß in Hanau hat gezeigt, daß ohne die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft nicht genügend Kraft zu entfalten ist, um dies zu stoppen.
Anstelle der Kapitalinteressen müssen die Belange der BürgerInnen in den Vordergrund gestellt werden. Da der Umbau unter dieser Vorgabe, damit eben aus öffentlichen Mitteln, für die Stadt nicht zu finanzieren wäre, müßte das Projekt als solches zunächst einfach gestoppt werden. Gegenwärtig ist das in Hanau und auf die Stadt beschränkt nicht realistisch. Die Zukunft liegt in einer bundesweiten, wenn möglich internationalen Bewegung zur Rekommunalisierung öffentlicher Verwaltung und zur Zurückdrängung von Kapitalverwertung und Marktorientierung, die vor Ort verankert ist und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge im Blick hat.